Polar: Herr Feldmann, warum gründet man, gestern wie heute, eine Literaturzeitschrift?
Joachim Feldmann: Ich weiß nicht genau, ob man sich heute aus den selben Gründen eine Zeitschrift zulegt wie vor 28 Jahren, als mein Freund Michael Kofort und ich die erste Ausgabe von „Am Erker“ zusammenstellten. Schließlich können sich artikulationswillige junge Menschen inzwischen des Internets bedienen und ihre eigene Website mit erheblich weniger Aufwand, als ihn ein Papierprojekt erfordern würde, zusammenbasteln.
Wir benötigten unbedingt ein Forum für unsere eigene Literatur, in dem festen Glauben, dass die Machenschaften kommerziell orientierter Verlage das Erscheinen unkonventioneller, kritischer Texte verhindern würden. So fühlten wir uns als Bestandteil der damals um sich greifenden Alternativkultur.
Unsere Vorbilder waren dabei übrigens die Beat-Literaten der 50er und 60er Jahre, von Kerouac bis Ginsberg. Über die historische Kluft haben wir uns allerdings keine Gedanken gemacht. Also zusammenfassend: Man gründet eine Zeitschrift, weil man glaubt, etwas Wichtiges zu sagen zu haben.
Polar: Wie könnte man denn das, was Sie zu sagen hatten, sagen wir, literaturhistorisch einordnen? Was war es, das Sie sagen und mit der Gründung zeigen wollten?
Joachim Feldmann: Also angefangen haben wir mit einer Mischung aus experimenteller Prosa, angeregt durch die Cut-up-Techniken etwa eines W. S. Burroughs. Außerdem spielte politische Lyrik eine große Rolle. Wir stellten uns ja vor, dass Literatur unbedingt gegen die gesellschaftlichen Zustände rebellieren müsse.
Ein weiterer Einfluss kam durch die Welle so genannter Alltagslyrik, die gegen Ende der 70er sehr populär war. Ungereimt und in freien Rhythmen wurde auch gerne mal eine Frühstückssituation oder eine durchsoffene Nacht zum Gegenstand eines Gedichts.
Später - wir wurden ja auch älter und machten andere Leseerfahrungen - setzte sich allerdings eine Vorliebe für skurrile Erzählprosa durch, stark beeinflusst durch Autoren wie Kafka oder Robert Walser. Und das gilt eigentlich bis heute. Das Absurde in Alltagssituationen aufsuchen - das versprechen wir uns eigentlich noch immer von den Geschichten, die in „Am Erker“ veröffentlicht werden.
Polar: Hat Absurdität als Phänomen experimenteller Prosa in den vergangenen Jahrzehnten - sozusagen in der Tradition von Kafka, Robert Walser oder einer Ilse Aichinger - nicht auch ein wenig inflationäre Züge angenommen, weswegen wir momentan, zumindest was die Verlagsprogramme betrifft, eher eine Tendenz weg vom Experimentellen, hin zum handwerklich solide gemachten Roman vorfinden? Sinngebung und Konvention in unsicheren Zeiten?
Joachim Feldmann: „Am Erker“ hat sich deshalb auch nie völlig auf die experimentelle Prosa konzentriert, sondern das Erzählen in den Mittelpunkt gestellt. Wir fanden schon vor Jahren, dass es sich noch längst nicht "auserzählt" hat. Kafka schätzen wir zum Beispiel durchaus als Geschichtenerzähler, nicht nur als Sinnverstecker.
In der Zeitschrift findet man immer wieder klassische Kurzgeschichten neben schriller Kurzprosa. Um ein paar Namen von Autoren zu nennen, die in „Am Erker“ veröffentlicht haben. Wir mögen die alltagsgesättigten Erzählungen von Burkhard Spinnen ebenso wie die sprachkühne Prosa Georg Kleins oder die fantastischen Geschichten von Markus Orths.
Polar: Sicher sind dies Autoren, die sehr viel unabhängiger und eigendynamischer, möglicherweise lebensnäher ihren Weg gingen als etwa Autoren, die in kreativen Studiengängen ihr Können ausfeilen. Sehen Sie die Möglichkeit, dass bei der Institutionalisierung der Literatur, neben den zweifelsfrei bestehenden Zugewinnen, etwas verloren geht?
Joachim Feldmann: Man hat ja bereits von einem regelrechten Leipzig-Sound bei den Absolventen des Literaturinstituts gesprochen. Aber das ist, glaube ich, eine oberflächliche Beobachtung, die sich vor allem auf einen bestimmten Prosastil, der sich in einigen Erzählbänden der letzten Jahre zeigte, bezog. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Creative Writing-Kurse.
Ich glaube nicht, dass ein gutes Talent durch entsprechende Übungen verloren gehen wird. Andererseits werden sich hoffentlich auch immer wieder einzelne Begabungen abseits dieser Institutionen durchsetzen. So hoffe ich zumindest. Hier liegt übrigens auch die Aufgabe einer Zeitschrift wie „Am Erker“.
Polar: Nun wurden in den vergangenen Jahren einige Publikationsorgane junger Autoren aus dem Boden gestampft, die nicht nur im Internet, sondern auch durch ansprechende Printmagazine mal mehr, mal weniger zu überzeugen wussten, und somit Ihrer Zeitschrift innerhalb einer hart umkämpften Nische Konkurrenz machen. Wie kann eine Zeitschrift unter solchen Bedingungen wirtschaftlich überleben und was sehen Sie für die Zukunft der Literaturzeitschriften?
Joachim Feldmann: Wir betrachten Zeitschriften wie "Bella Triste", "Edit" oder "Macondo", mit denen wir auch durch Austauschabonnements freundschaftlich verbunden sind, nicht als Konkurrenz. Ich freue mich, dass es so viele - und nun spreche ich als "alter Hase", der sich seit fast 30 Jahren mit Literaturzeitschriften beschäftigt - junge Leute gibt, zu deren persönlichem Glück offenbar die Herausgabe einer Zeitschrift gehört.
Zudem unterscheiden sich die Blätter doch sehr. Ich bin mal ganz unbescheiden: „Am Erker“ ist eine durch langjährige personelle Kontinuität geprägte, sehr individuelle Zeitschrift. Ich wüsste keinen Rezensionsteil, der beispielsweise unserer Bücherschau ähneln würde.
Natürlich sehe ich in dem Umstand, dass die Gründer des Blattes noch immer redaktionell oder in anderer Weise mitmischen, auch ein wenig die Gefahr der Stagnation. Doch bislang ist das, meines Erachtens, noch lange nicht der Fall, wie jede neue Ausgabe beweist.
Polar: Die Autorin Ulrike Draesner stellte kürzlich fest, in der jüngeren Poesie niemanden zu sehen, der - wie etwa Durs Grünbein - darauf zielte, der politisch-gedanklichen Gravur seiner Zeit auf den Grund zu gehen. Es finde sich niemand, der wie Lutz Seiler oder Thomas Kling historische Forschung betriebe. Können Sie diese Wahrnehmung teilen?
Joachim Feldmann: Mit moderner Lyrik kenne ich mich, ehrlich gesagt, nicht so gut aus. Durs Grünbeins neuere Texte sagen mir wenig, hingegen lese ich Lutz Seilers Gedichte ganz gern. Aber ich bin kein Experte. Was die Prosa betrifft, so ist mir der Hang zur Schilderung privater Befindlichkeiten junger Menschen in den letzten Jahren schon aufgefallen und manchmal sogar auf die Nerven gegangen.
Auch den Versuchen, einen realistischen Roman neu zu proklamieren, der den Nerv der Zeit trifft, stehe ich skeptisch gegenüber. Vielleicht steckt in den eher esoterischen Romanen eines Martin Mosebach oder den Novellen Hartmut Langes mehr Zeitdiagnose als in manch anderem Werk, das sich programmatisch der Darstellung gesellschaftlicher Realität verpflichtet sieht.
Andererseits schätze ich auch Zwischenformen von Journalismus und Literatur wie etwa die Reiseberichte eines Wolfgang Büscher. Oder Autoren die aus kaum bekannten Ecken unseres Landes erzählen. Ich denke hier an einen Autor wie Norbert Scheuer und seine Eifel-Geschichten.
Polar: Aber ist der enorme Bruch, den es innerhalb des eher geringen Zeitraums zwischen den 90er Jahren und aktuellen Publikationen gibt, nicht auffällig? Befinden wir uns nicht vielleicht doch in einer größeren Umbruchphase, obwohl auf den ersten Blick vieles nach Stagnation riecht?
Joachim Feldmann: Kann sein. In den späten Neunzigern erlebte die deutsche Erzählliteratur ja so etwas wie einen kleinen Boom. Von manchen Autoren, denen damals große Aufmerksamkeit zuteil wurde (zumindest in den Feuilletons), hört man mittlerweile nur noch wenig. Das ist aber ein ganz normaler Prozess. Was aus dem neuen Trend zum Familienroman (Arno Geiger) oder zu historisch-exotischen Settings (Kehlmann) wird, muss man sehen.
Polar: Das klingt nach Gelassenheit. Ihnen ist also keineswegs Angst und Bange um die qualitative Zukunft deutschsprachiger Literatur?
Joachim Feldmann: Natürlich nicht. Gute Literatur entsteht immer, lässt sich praktisch nicht verhindern. Ob sie dann auch veröffentlicht und gelesen wird, ist eine andere Frage. Aber deshalb ist es ja so erfreulich, dass es so viele Literaturzeitschriften gibt, die jungen Autorinnen und Autoren, die bislang Verlagslektorate noch nicht überzeugen konnten, eine Chance geben. „Am Erker“ tut das seit Jahrzehnten.
Polar: In Ihrer jetzt erschienenen Jubiläumsausgabe behandeln Sie das Thema „Literarisches Scheitern“ aus vielerlei Perspektive. Welche Dimension hat dieser Begriff für Sie und ist es eigentlich möglich, heute literarisch nicht zu scheitern?
Joachim Feldmann: Die Idee, das Scheitern in den Mittelpunkt unserer Nr. 50 zu stellen, kam uns, während eine Redaktionssitzung in einem Biergarten ausklang. Damals war es eher selbstironisch gemeint. Da produziert man seit vielen Jahren Heft um Heft einer Zeitschrift, erntet durchaus immer wieder Zuspruch, bleibt aber letztlich, was die große Wirkung angeht, erfolglos. Denn im Literaturbetrieb gehen kleine Publikationen doch leicht unter.
Auch vielen jüngeren Autorinnen und Autoren, die sich über ihre ersten Veröffentlichungen freuen, bleibt diese Erfahrung nicht erspart, wenn man den Erfolg in Auflagenzahlen misst. Aber da muss man durch. Denn auch interessierte Leser haben es nicht leicht. Wer sich das Angebot des Literaturmarktes betrachtet, dem kann doch leicht schwindelig werden. Allein um all die in den großen Literaturbeilagen der großen Tageszeitungen empfohlenen Bücher zu lesen, müsste der Tag 48 Stunden haben und die freie Zeit nicht durch die Notwendigkeit der Brotarbeit eingeschränkt sein.
Kein Wunder, dass Frau Heidenreich mit ihren im Befehlston vorgetragenen Buchempfehlungen im Fernsehen so einen rasanten Erfolg hat. Wir empfehlen natürlich die Lektüre der „Am Erker“-Bücherschau als Mittel gegen literarische Orientierungslosigkeit.
Andererseits lässt sich mit dem Begriff des Scheiterns sicher auch das Gefühl beschreiben, dass das eigene literarische Produkt hinter dem zurückbleibt, was man beabsichtigt hat. In diesem Sinne hat das Versagen durchaus eine produktive Dimension.
Polar: Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Marius Hulpe.
Webseite: Am Erker